Die Überfahrt 1880

Dezember 1880

Ein Sonderzug des „Norddeutschen Lloyd“ brachte mich am Sonntag, den 5. Dezember schon um 7½ Uhr früh nach Bremerhaven, worauf ich mich mit meinem Gepäck alsbald auf der „Donau“ einschiffte. Pünktlich ein Uhr machte der Dampfer los und fuhr die Weser seewärts. Aber schon bald, noch während des Mittagessens, stoppte das Schiff und ließ die Anker nieder. Wegen starken Nebels und niedrigen Wasserstands mußten wir liegen bleiben, um erst am anderen Morgen 8 Uhr weiterzufahren. Bei nebligem Wetter ging es mit Halbdampf in die Nordsee hinein. Feucht und schwer umgab uns der dichte Nebel, jede Aussicht auch nur auf kurze Entfernung war genommen. Die Fahrt ging langsam vonstatten, fortgesetzt brüllte die Dampfsirene ihre Warnungsrufe anderen Schiffen entgegen. So dauerte es volle zwei Tage, bis wir Southampton erreichten, wo wir in der Nacht zum 8. Dezember in den Hafen einfuhren.

In den Vormittagsstunden machten wir einen Spaziergang durch die englische Hafenstadt, die mit ihren winkligen Straßen und Gassen und eigenartigen Bauten neue Eindrücke bei uns hervorrief. Nachmittags 4 Uhr wurden die Anker gelichtet, vorher hatten wir noch Gelegenheit gehabt, die letzten Grüße nach Deutschland der Post zu übergeben. Bald sahen wir zur Linken die von waldigen Hügeln bedeckte Insel Wight an unserem Auge vorüberziehen. Hier pflegt die Königin Victoria einen Teil des Sommers zuzubringen, auch manche Hochzeitsreisenden suchen die schöne in friedlicher Ruhe daliegende Insel auf, die Flitterwochen hier  zu genießen.
Am westlichen Ende der Insel zeigen sich hohe, weit in die See hineinragende Felsen, die „Needles“, die für die Schiffahrt viele Gefahren bergen. Manches Schiff liegt hier und bei den weiter westlich im Kanal liegenden Inseln an deren felsigen Klippen begraben. Am nächsten Tage, es war der 9. Dezember, fuhren wir in den Atlantischen Ozean ein, bei trübem Wetter, jedoch ruhiger See. Wir bemerkten bald Gruppen von Fischen, die, etwa 2 m lang und ziemlich dick, dem Schiff eine Zeitlang nachzogen, immer aus den Wellen herausspringend, es waren Delphine oder Tümmler.
Den größten Teil des Tages befand ich mich mit anderen Reisenden auf Deck trotz der feuchten, oft nebligen Atmosphäre, wodurch wir uns vor Seekrankheit zu schützen suchten. Auch am 10. war das Wetter noch ziemlich unsichtig, am 11. Dezember wurde es klar, abends hatten wir einen wunderschönen Sonnenuntergang, dem eine Mondscheinnacht bei etwas bewegter See folgte. Bis Mitternacht blieb ich auf Deck in angeregtem Gespräch mit dem wachhabenden Offizier. Dieser erklärte mir manche Schiffseinrichtungen, von den Rettungsbooten hielt er nicht viel, bei starkem Sturm hätten sie keinen Wert, doch sei die „Donau“ bei guter Führung jedem Sturm gewachsen. Die größte Gefahr bestehe bei nebligem Wetter, schon die geringste Unaufmerksamkeit seitens der wachhabenden Offiziere und Mannschaften könne dem Schiff zum Verderben werden. Besonders im Kanal und auch in der belebten Nordsee sei die Schiffahrt bei Nebel andauernd von Gefahren umgeben, weshalb er mir den Rat gab, bei der Rückfahrt den Dampfer nur bis Southampton zu benutzen und dann über Dover – Ostende oder Calais weiterzureisen.

Als ich endlich nach Mitternacht mein Lager aufsuchte, machte ich meinen Schlafkollegen – ein Jude namens Samuel Engel – auf die uns bedrohenden Gefahren aufmerksam. Ich erzählte ihm, die Rettungsboote seien bei Sturm unverwendbar, daher dürfe man sich nie ohne Rettungsgürtel zu Bett legen. Den Meinigen holte ich deshalb unterm Kopfkissen hervor, um ihn anzulegen, welchem Beispiel der eingeschüchterte Jüngling schleunigst folgte. Inzwischen hatte ich meinen Gürtel heimlich wieder an Ort und Stelle gelegt, während Herr Engel in seiner unbequemen Lage fast nicht zum Schlafen kam. Dazu hatte ich ihm ausführlich von jenen Höllenmaschinen berichtet, die mitten im Ozean ein Schiff zur Explosion bringen, wie dies vor einiger Zeit durch den Massenmörder Thomas versucht worden, dessen Verbrechen durch vorzeitige Explosion eines Fasses bereits vor der Abfahrt des Schiffes – es war die „Mosel“ gewesen – in Bremerhaven an den Tag kam. Auch diese Mitteilung schien keine besonders beruhigende Wirkung auf ihn auszuüben.
Am Sonntag, den 12. war es wieder trüber, die „Dünungen“ wurden stärker, so daß ab und zu eine Spritzwelle über Bord ging. Ich nahm heute ein Seebad, d.h. im Badezimmer, wo man sich das Wasser direkt aus der See heraufpumpte. Am nächsten Tage hatten wir „hohe See“, es stürmte, das Schiff schwankte stark nach den Seiten, es begann zu „rollen“, man konnte sich kaum mehr auf Deck wagen. Längst waren alle losen Teile auf Deck festgebunden oder verschraubt, schwere Sturzwellen spülten über das Vorderdeck. Mit beiden Händen suchte ich mich an Stangen und Geländer festzuhalten, als ich mich gegen Abend noch auf dem Hinterdeck befand, um auf dringendes Anraten des wachhabenden Offiziers – dieser hatte sich mittelst eines starken Seils festbinden lassen – schleunigst die schützende Kajüte aufzusuchen. Kurz darauf stürzte eine Welle nach der anderen auf Deck unter donnerndem Getöse, während das Schiff in allen Fugen krachte. Da mein Lager – oberes Bett – unmittelbar unter Deck war, hörte ich das Rauschen der Wellen, die nur ½ bis 1 m über mir hinweggingen, in unheimlicher Nähe. Unter dieser Musik schlief ich endlich ein.
Am 14. Dezember war es klar und kalt, doch dauerte die hohe See fort, erst gegen Abend wurde es etwas ruhiger. Während dieser beiden Tage wurde es uns sehr erschwert, die Mahlzeiten einzunehmen. Den Suppenteller halbvoll in einer Hand, mußte man das Gleichgewicht suchen, wobei die ergötzlichsten Szenen vorkamen. Die Frauen waren fast alle als seekrank in ihren Kabinen. An den beiden nächsten Tagen ereignete sich nichts Besonderes, hier und da kamen Schiffe in Sicht. Am 17. erblickten wir in mäßiger Entfernung einige Walfische, die sich an der Oberfläche zeigten und aus ihren Spritzlöchern Wasser hoch empor spritzten.

Das Wetter war seit einigen Tagen wieder trübe, am 18. klärte es sich etwas auf. Nachmittags kam von einem Segelboot ein Lotse an Bord, der uns in den Hafen von Neuyork  (New York) hineinbringen sollte. Die Einfahrt erfolgte am Sonntag, den 19. Dezember in aller Frühe bei klarem Vollmondschein. Wir blieben bis 8 Uhr vor der Mündung des Hudson vor Anker liegen. Dadurch hatten wir Gelegenheit, den großartigen Hafen und die weitere Umgebung in Augenschein zu nehmen. Rechts vor uns lag die Insel Long Island, links Staten Island, während Neuyork in der Ferne vor uns sichtbar wurde. Der Tag war klar und kalt, die meisten Reisenden befanden sich auf Deck, um das schöne Schauspiel zu genießen, als wir endlich gegen 9 Uhr mit aufgehißten Flaggen nebst manchen anderen deutschen und englischen Schiffen in den Hudson hineinfuhren und am Landungsplatz Hoboken gegenüber Neuyork festmachten. Hier nahm ich schnell Abschied von allen denen, die mir auf der 14 tägigen Seereise angenehme oder auch unangenehme Gesellschaft gewesen waren und suchte mit noch 2 anderen Reisenden das mir empfohlene Hotel Busch in Hoboken auf.

One thought on “Die Überfahrt 1880

  1. Thomas Höfling sagt:

    Haben Sie schon etwas Genaueres über das Schiff herausgefunden?

    1869 Donau (I) 2896 BRT Caird & Co. Ltd., Greenock Bremerhaven-New York,
    1895 bei Fastnet (Ärmelkanal) ausgebrannt und aufgegeben
    (Wikipedia, Liste der Passagierdampfer des Norddeutschen Lloyd)

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