Meine 12 Stunden bei dem Amischen

Vorbereitung für den Besuch

Während meiner nächsten Tage in Kansas City bereitete ich den Besuch bei den Amischen vor. Ich mietete ein Auto, denn die Familie lebt ca. 1,5 Stunden außerhalb von Kansas City und dorthin gibt es absolut keinen öffentlichen Nahverkehr, außerdem wollte ich so flexibel wie möglich sein, man weiß ja nie, was passiert. Ich las ein paar Artikel über die Amische und das Pennsilvania Dutch, und meine größte Frage war, welches Geschenk man einer amischen Familie mitbringen kann. Am Ende entschied ich mich für einen Korb voller deutscher Schokoladen, und das stellte sich als absolut passend heraus.

Am Mittwochmorgen zog ich mit meine lange schwarze Wanderhose und einen langärmlichen dunkelblauen Pullover an. Ich trug weder Make-up noch Schmuck und frisierte meine Haare zu einem einfachen Dutt. Natürlich würde ich unter den Amischen in ihrer traditionellen Kleidung auffallen, aber ich wollte einfach nicht im kurzen Sommerkleid auftauchen und sie dadurch in eine unangenehme Situation bringen, also versuchte ich mich etwas anzupassen. Dann holte ich meinen Mietwagen ab und fuhg gen Norden. Das Navi leitete mich zunächst zum falschen Haus, aber eine nette amische Frau erklärte mir dann den Weg. Am Haus der Familie angekommen öffnete mir die Frau mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm. Ich überreichte ihr den Geschenkkorb mit den Schokoladen und sie sagte, dass ich gleich vom Opa ihres Mannes und einer eingewanderten Schweizerin [nicht Amish], die für die Gemeinde öfter Autofahren macht, abgeholt werden würde.

Pennsilvanian Dutch

Sie kamen kurz darauf an und wir machten uns auf den Weg zu Opa’s Tochter, welche uns mit 2 ihrer Kinder anschloss. Wir fuhren weiter zu Opa’s Cousin, wo wir uns auf die Veranda setzten und auf Deutsch quatschten. Es war wirklich faszinieren, aber ich verstand den Opa und seinen Cousin recht gut auf Deutsch. Zwar langsam und immer wieder mit Erklärungen, aber wir unterhielten uns! Es stellte sich heraus, dass ich sie sehr viel besser verstand als sie mich, denn das Pennsilvania Dutch ist mit Englisch vermischt, und ich spreche ja beide Sprachen. Ich bemerkte auch, dass die Aussprache sehr ähnlich zum schwäbischen Dialekt ist, und es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir gewünscht habe, fließend Schwäbisch schwätzen zu können. Opa’s Cousin zeigte mir daraufhin seine deutsche Bibel und war ganz erstaunt, als ich ihm erzählte, dass wir nicht mehr in der Frakturschift drucken. Dann übergab ich dem Cousin Otto’s Tagebuch und er las den Anfang der Amerikareise vor. Es war sehr lustig, die Geschichte in diesem etwas komischen schwäbischen Akzent zu hören, aber er sprach fast alles richtig aus und verstand auch das Meiste.

Das große gemeinsame Mittagessen

Weiter ging es zum gemeinsamen Mittagessen. Wir traten in das Haus einer weiteren amischen Familie ein, wo wir auf ca. 12 amische Frauen und zahllose spielende Kinder trafen. Die meisten Frauen saßen an einem großen Holztisch und arbeiteten an Teppichen, welche eine Frau angefangen hatte, die im letzten Jahr gestorben war. Ich setzte mich an den Tisch, aber bevor ich wirklich Fragen stellen konnte, war ich diejenige, die gefragt wurde. Ich war schon bekannt, als die Deutsche, die das Paar im Zug getroffen hatte, und so erzählte ich von Otto’s Abenteuer und meiner Reise. Zu meiner Überraschung kannten sie alle die Queen Mary 2, als ich ihnen erzählte, wie ich nach Amerika gekommen war, denn Bekannte hatten sie wohl zur Überfahrt bei einer Mission in Europa genutzt, das sie ja keine Flugzeuge nutzen. Wir redeten auch über die Sprache, und es war witzig, dass sie einige Wörter kannten und andere wiederum nicht. Zum Beispiel kannten sie das Wort „Obst“, aber nicht das Wort „Gemüse“. Ich war auch eine außenstehende Informationsquelle und wurde viel über das Technologie-Level in Deutschland und unsere Bauernhöfe gefragt. Einer der lustigsten Momente war der, als die Getränke in roten Plastikbechern serviert wurden, welche man aus typischen Filmen kennt, wo sie zum Beer Pong spielen benutzt werden, aber in Amerika sind das einfach Plastikbecher. Sie in den Händen von amischen Kindern zu sehen war ein äußerst lustiger Moment.

Wir besuchten die lokale Bäckerei, wo die Verkäuferin bereits das „German girl from the train“ erwartet hatte und Opa kaufte mir ein paar leckere Kekse. Mir wurde dann auch das Telefonhäuschen gezeigt, wo die Dorfbewohner Sprachnachrichten abhören können. Nach einem kurzen Besuch bei der Tochter [einer Mennonitin], fuhren wir zu Opa’s Haus und er zeigte mir seine handgemachte Steppdecke, welche seine Kinder für ihn und seine nun verstorbene Frau gemacht hatten. Auf der Decke waren die Namen der gesamten Familie eingestickt: 10 Kinder, 52 Enkel und 6 Ur-Enkel. Es war ein besonderer Moment, etwas so persönliches gezeigt zu bekommen.

Familientreffen, Lagerfeuer und Gesang

Ich lief zurück zum Haus des Paares (welches ich im Zug getroffen hatte) für das Abendessen und das Familientreffen. Die Familie trifft sich einmal im Monat zum gemeinsamen Essen und Singen. Kurz darauf war das Haus voll mit Familienmitgliedern und Kindern jeden Alters sowie eines nicht-Amischen Pärchens, Freunde der Familie. Nach einem von allen Gästen mitgebrachten leckeren Abendessens gingen wir hinaus und setzten uns um die Feuerstelle. Die Kinder verteilten selbstgemachte Liederbücher für jeden und Opa packte seine Mundharmonika aus. Da saß ich am Feuer, christliche deutsche Lieder singend, und das alles umgeben von einer wunderschönen Abendröte. Ich wurde gefragt, ein Lied vorzusingen, und ich entschied mich für das Abendlied.

Auf Wiedersehen

Nach diesem wunderbaren Tag voller Friedlichkeit, Ruhe und Freundschaft war es Zeit für mich, Auf Wiedersehen zu sagen. Opa umarmte mich so fest, als ob er mich gar nicht gehen lassen wollte und sagte „You made my day“ und dankte für meinen Besuch [Ich dachte, das Bedanken wäre mein Part]. Von dem Pärchen, dass ich im Zug getroffen habe bekam ich ein Buch mit auf den Weg, inklusive persönlicher Widmung. Ich fuhr in die Nacht hinein mit einem Herzen voller Freude und Dankbarkeit für diesen wundervollen Tag.

N.B.: Ich habe an diesem Tag nur ein paar wenige Bilder der Landschaft gemacht. Die Amische mögen keine Bilder und ich hatte mich entschlossen, auch nicht danach zu fragen, denn das hätte mich in jenem Moment zum Touristen gemacht. Ich bin immernoch in Kontakt mit der Familie, die mich regelmäßig anruft und sich nach mir erkundigt (sie können ja diesen Blog nicht lesen).

One thought on “Meine 12 Stunden bei dem Amischen

  1. Eva sagt:

    Spannende Geschichte! Freu mich, für dich, dass du sowas erleben durftest. Die Amish sind toll, wären wir alle wie sie, wär die Welt sicher besser.
    Ja, Pennsylvanian Dutch versteht man als Schwabe recht gut ;-). Hab ich mir auch schon oft angehört. Faszinierend, diese alten „Überbleibsel“ an Sprachen.

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