1882: New York – Barmen

Der Tag meiner Abreise, 18. Februar, war gekommen. Nachdem ich ein Bad genommen, besuchte ich Herrn Hornich in seiner Fabrik. Er war ganz gerührt und gab mir eine Flasche Cognac mit. Auch der Weinwirt Kurzenberger, der biedere Württemberger, bei dem wir einen Abschiedstrunk genehmigten, händigte mir eine Flasche Nordhäuser ein, eine willkommene Gabe für die Seereise. Um 10 Uhr fuhr ich, von meinem Freunde Rosenbaum begleitet, nach Neuyork, wo wir im „Postkeller“ das Mittagessen einnahmen, dem sich eine kurze Bierreise anschloß.

Frühzeitig waren wir an der Landungsbrücke in Hoboken angelangt. Auf der Rampe zum Dampfer werde ich plötzlich mit einem „Show your tickets, please!“ angehalten und erkenne im selben Augenblick meinen guten alten Hornich, der es sich, wie er sagte, nicht nehmen lassen wollte, mich noch einmal zu begrüßen. Wir stiegen alle drei in den Salon hinunter, wo wir bei einer Anzahl Flaschen dunkeln Bieres noch einmal, zum letzten Mal, gründlich Abschied feierten.

Kurz vor 2 Uhr verließen mich meine beiden Freunde, mir von der Landungsbrücke ein herzliches Lebewohl zurufend. Punkt 2 Uhr löste sich die „Mosel“ von der Brücke und nun geht die Fahrt den breiten Hudson abwärts durch den großen Hafen von Neuyork bei schönem Wetter in den Ozean hinaus.

Der nächste Tag ist ein Sonntag. Die See ist unruhig, das Schiff schaukelt. Nachmittags kommen wir in starkes Schneetreiben. Ich bleibe solange wie möglich auf Deck, doch fühle ich mich bereits seekrank, wozu offenbar das reichliche Abschiedfeiern wesentlich beigetragen haben mag. Am 20. Februar ist das Wetter klar, ich erscheine heute bei Tisch (zum ersten Mal) und bemerke mir gegenüber vier Schwestern, die dem Franziskaner-Orden angehören und wie ich erfahre, als Delegierte nach Aachen reisen wollen.

Nach Tisch ruhe ich mich in der Rauchkabine der ersten Kajüte ein wenig aus; ich war allein, nach unten führte eine Wendeltreppe zum Speisesaal der ersten Kajüte. Von dorther höre ich den Kapitän zu seiner Umgebung sagen: „Wir werden wohl in den nächsten Tagen einen tüchtigen Sturm bekommen“. Den erschrockenen Damen erklärte er dann, „das müsse wohl der Fall sein, denn wir hätten vier barmherzige Schwestern an Bord und außerdem einen Mormonen“ – „Was, einen Mormonen ?“, „Allerdings“, sagte der Kapitän und gab ihnen die Passagierliste, die heute an die Reisenden verteilt wurde. Darauf hörte ich ihn deutlich meinen Namen nennen: „Mr. Otto Dahl aus Salt Lake City“.

Vorläufig war mir die Sache noch unklar, bis ich eine Stunde darauf die Liste in die Hand bekam und mich darin so eingetragen fand, wie der Kapitän vorgelesen hatte. Nun war ich als Mormone gekennzeichnet. Dazu kam, daß ich bei Tisch in Gesellschaft der vier Ordensschwestern und einer älteren Dame saß, während ein anderer Tisch ausschließlich von Herren besetzt war. Die Neugierde der Reisenden war groß. Man hatte einen Herrn, der die Kabine mit mir teilte, beauftragt, mich auszufragen. Dieser stellte sich mir vor als Weinhändler aus Neuyork namens Schmidt, er sei verheiratet, daher ich ihm wohl ungeniert über Sitten und Gebräuche der Mormonen berichten könne. Während ich nachmittags im oberen Bett der Kabine ausruhte, erzählte ich dem unter mir liegenden Weinhändler die tollsten Mordgeschichten. Manchmal mußte ich den Vorhang zuziehen, damit der aufmerksame Zuhörer nicht durch den gegenüber hängenden Spiegel erkennen konnte, wie sehr ich mir das Lachen verbeißen mußte. Meine Schilderungen über die Zustände in Utah nahm er offenbar gläubigen Herzens entgegen. So schwindelte ich ihm zunächst vor, daß ich im schönen Lande der Mormonen vier Frauen gehabt, von denen vor Kurzem eine leider „eingegangen“ sei. Da aber jeder Mormone mindestens vier Frauen besitzen müßte, hätte man mir die Wahl gelassen, entweder alsbald einen Ersatz zu schaffen oder aber gegen Auszahlung von hundert Dollars und Überlassung eines neuen Anzuges das Land zu verlassen. Im letzteren Falle würde mir außerdem noch ein Jahr Bedenkzeit gegeben für die in Begleitung einer vierten Frau zu tätigende Rückkehr. In diesem Falle befände ich mich jetzt.

In den nächsten zwei Tagen erschien ich nicht bei Tisch, weil ich infolge hohen Seegangs wieder seekrank geworden war. So hatte Schmidt Zeit, meinen Bericht der übrigen Tischgesellschaft zum Besten zu geben und gründlich zu verarbeiten. Als ich mich wieder in der Kajüte bei Tisch zeigte, wurde ich scharf beobachtet, was mir nicht entging.

Nachmittags sah ich die vier Schwestern schwarz gekleidet wie immer, auf einer quer zum Schiff stehenden im Treppenhaus befindlichen langen Bank sitzen. Eine der Schwestern saß am Ende der Bank, getrennt von den übrigen. Da es regnete, setzte ich mich ebenfalls zu ihnen, um zu lesen. Gleich darauf hob sich das Schiff von der rechten Seite her derart, daß die drei Schwestern plötzlich mit einem scharfen Ruck auf mich zu rutschten und mich fest gegen die alleinsitzende vierte Schwester drückten. In dieser drangvoll fürchterlichen Enge entdeckte mich der gerade die Treppe heraufkommende, am Geländer sich anklammernde Weinhändler zu seinem nicht geringen Erstaunen. Ich hatte ihm am Abend vorher erzählt, daß eine der Schwestern sich zum Mormonentum bekehren lassen wolle, was ihm nunmehr, bei dem sich ihm darbietenden Schauspiel, sicherlich vollständig glaubwürdig und als Tatsache erscheinen mußte. Den plötzlichen „Rutsch“ hatte er nicht mehr bemerkt, so daß er das dichte Beisammensein der fünf frommen Menschen als einen Erfolg meiner Bekehrungsversuche betrachtete. Die Tischgesellschaft wurde hiervon alsbald verständigt, mein Ruf als Mormone immer mehr befestigt. Bei Tisch unterhielt ich mich viel mit den Schwestern, schon aus Höflichkeit, ebenso mit der älteren Dame, die aus Elberfeld stammte, ein halbes Jahr bei ihrer in New York verheirateten Tochter gewesen war und sich deshalb Mrs. Schmidt nennen ließ. Wir verabredeten bei einer dieser Unterhaltungen, die Reise von Bremen aus gemeinschaftlich ins Wuppertal zu machen. Es sollte aber nicht dazu kommen.

An den Abenden erfreuen uns die bei Tisch bedienenden Kellner (immer noch Stewards genannt!) mit musikalischen Vorführungen, wobei sie wegen des starken Rollens des Schiffes oft wunderliche Stellungen einnehmen, um nicht hinzufallen. Während mehrerer Tage ist hoher Seegang, das Schiff rollt mächtig, was bei den Mahlzeiten recht heitere Szenen verursacht. Mehrere Nächte bringe ich auf dem Sofa zu, wo ich, weil an der Längswand des Schiffes liegend, entschieden besser schlafe als im Bett, da hier Kopf und Füße abwechselnd in die Höhe gehoben werden. In der Nacht vom 27. zum 28. Februar wird ein irrsinnig gewordener Mensch, der sich aufgehängt hat, in einem mit Steinen beschwerten Sack über Bord geschoben, in den Wellen ein nasses Grab findend.

Das Wetter ist meist trüb und regnerisch, daher schlechte Beobachtung und ungenaue Feststellung unserer geographischen Lage, was uns beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Am 28. Februar, einem nebligen Tage – wir waren gerade mit dem Mittagessen fertig geworden – sehen wir einen Mann spornstreichs in die Erste Kajüte zum Kapitän laufen mit einer Meldung, worauf dieser sofort auf die Kommandobrücke eilt und unmittelbar darauf das Schiff in einem rechten Winkel nach Süden abdreht. Wir erblicken dann plötzlich zur Linken, also in unserer früheren Fahrtrichtung, im Nebel eine braune zackige Felsenmasse nahe vor unseren Augen aus dem Wasser ragen, auf die wir geradezu losgesteuert waren. Einer unmittelbaren großen Gefahr waren wir durch die energische Kursveränderung entgangen. Es waren die äußersten Vorsprünge der Scilly-Inseln, an deren felsigen Klippen die „Schiller“ und manches andere Schiff seinen Untergang gefunden hat.

Bald sehen wir den Leuchtturm auf Bishop Rock, fahren dann rechts an der Insel St. Agnes vorüber, die ebenfalls einen Leuchtturm trägt. Gegen Abend klärt sich das Wetter auf, wir sehen viele Dampfer und Segler. In der Frühe des 1. März nähern wir uns den Needles, den westlichen Felsenvorsprüngen der Insel Wight. Endlich kommt der schon gestern erwartete Lotse an Bord, der uns nach Southampton bringen soll. In dem englischen Hafenplatz wird die Post eingenommen und ausgeladen, viele Reisende steigen hier aus, zugleich kommen zwei weitere Lotsen, ein Engländer und ein Deutscher, an Bord, von denen der erstere, nachdem uns zunächst der Hafenlotse aus dem Hafen hinausgebracht, das Schiff in die Nordsee führt, während der deutsche Lotse uns in die Wesermündung bis Bremerhafen bringen soll.

Bei klarem schönen Wetter fahren wir um 9 Uhr vormittags von Southampton ab, an den glatten Kreidefelsen der englischen Küste entlang. Zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags fahren wir an Dover vorbei, dessen zwei Leuchttürme herüberblinken. Bald darauf gleitet das Schiff in die Nordsee bei schneller Fahrt und klarem Vollmondschein. Der nächste Morgen bringt uns etwas Regen, nachmittags ist es wieder klar, die See ruhig. Um 4 Uhr lassen wir den Leuchtturm von Wangeroog zur Rechten und nähern uns bald der Wesermündung. Um 7 Uhr erreichen wir Bremerhafen, wo wir zunächst auf einen uns recht winzig erscheinenden Flußdampfer übersteigen und zur Halle des Norddeutschen Lloyd fahren.

Hier verabschiedet sich der wackere Kapitän Hesse von uns, während wir einen Sonderzug nach Bremen besteigen. An irgendeiner Haltestelle suche ich „Mrs.“ Schmidt, um ihr zu sagen, daß der nächste Zug nach dem Wuppertal um 1 Uhr 10 nachts von Bremen abgeht. Ich erhalte die mich überraschende etwas verlegene Antwort, daß sie sich anders entschlossen habe und die Nacht in Bremen bleiben wolle. Da erst bemerke ich neben ihr den Neuyorker Weinhändler, mir ging plötzlich ein Licht auf: Der Mensch hatte den ganzen lustigen Schwindel von den vier Mormonenfrauen usw. für bare Münze genommen und seine Reisegefährtin offenbar vor mir gewarnt – na, es war ja zu ertragen. In mein Abteil zurück-gekehrt, mußte ich herzlich darüber lachen.

Von Bremen fuhr ich pünktlich um 1 Uhr 10 Min. ab und langte nach sechsstündiger Fahrt bald nach 7 Uhr früh in Barmen an, von meinem Freunde Homberg, dem ich unterwegs ein Telegramm geschickt, am Bahnhof empfangen. Um ½8 Uhr schloß ich mit dem Hausschlüssel, der die Reise nach Amerika mitgemacht, das elterliche Haus auf und überraschte meine ahnungslose Mutter im Wohnzimmer. Auf ihre erstaunte Frage: „Wo kommst Du denn her?“ erwiderte ich nur: „Von Amerika!“ und setzte mich zu ihr an den Frühstückstisch.

Genau acht Jahre später, um dieselbe Stunde, am 3. März 1890 beendete sie ein an Arbeit und Sorgen reiches Leben.

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