1881: Virginia City – Bozeman

August 1881

Am nächsten Morgen geht es schon um 4 Uhr weiter. Wegen des steilen Weges verlassen wir den Wagen und gehen eine Stunde zu Fuß einen hohen Berg hinauf. Dann führt uns der Wagen durch enge Täler bis zum Meadow Creek, der in einer breiten fruchtbaren Talebene dahinfließt. Schon um 8 Uhr erreichen wir die Station Meadow Creek, wo wir ein ausgezeichnetes Frühstück erhalten, dafür aber auch einen ganzen Dollar zahlen müssen. Wir befinden uns mitten im Felsengebirge, die Spitzen der höchsten Berge sehen wir bedeckt mit Schnee. Die Täler, die wir jetzt durchfahren, entlang des Meadow Creek, des Madison– und des Gallatin River, scheinen recht fruchtbar zu sein. Prächtig aussehendes, wohlgenährtes Vieh erblickt man auf den Weiden, wie ich es kaum je gesehen.

Der Weg führt uns bald an mehreren Goldwäschereien, die anscheinend schon ausgebeutet waren, vorbei. Man erkennt, daß wir uns hier im erzreichen Gebiet von Montana befinden. Mittags erreichen wir den Madison River, der, in der Breite etwa wie die Mosel, zwischen ausgedehnten Wiesenflächen vorbeizieht. Bald kreuzen wir den Fluß und langen um 4 Uhr in Elk Creek an, wo ein Reisender uns verläßt. Hier biegen wir aus dem breiten Madison Tal heraus, es geht über mehrere Anhöhen hinweg einem anderen Tal entgegen, das wir gegen Abend in Gallatin-Bridge erreichen. Die drei Flüsse, Gallatin-, Madison– und im Westen der Jeffersonriver vereinigen sich bei Gallatin und bilden hier den Missouri, den größten Strom von Nordamerika, der bei St. Louis dem Mississippi ungeheure Wassermengen zuführt.

Nachdem hier Wagenwechsel stattgefunden, fahren wir auf offenem, mit Kisten und Gepäck beladenem Kastenwagen weiter unserem Ziele zu. In einiger Entfernung erblicken wir von Zeit zu Zeit mehrere Geysir, vom hellen Mondlicht übergossen: wir sind in der Nähe des Yellowstone Nationalparks mit seinen eigenartigen Naturerschei-nungen. Die Geysir sind heiße Springquellen, die 40 bis 60 m hoch in teils regelmäßigen, teils unregelmäßigen Zeiträumen emporschießen. Die laue Mondnacht regt mich zum Singen an. Nachdem ich erst leise gesummt, bemerke ich, daß meinem Nachbarn, der mit mir auf derselben Kiste sitzt, die deutschen Studentenlieder ebenfalls bekannt sind und bald ertönen in der stillen Sommernacht viele Volks- und Studentenlieder, von zwei deutschen Kehlen kräftig gesungen. Mein Sangesbruder ist ein Kalifornier von guter Bildung, von deutschen Eltern stammend irgendwo im Ausland geboren, in Deutschland erzogen und anscheinend als deutscher Konsul oder Konsularbeamter tätig.

Endlich, abends gegen 10½ Uhr, erfolgt unsere Ankunft in Bozeman, dem Ziel meiner Reise. Von Neuyork bis hier hatte ich im ganzen rund 3200 Meilen oder 5150 Kilometer zurückgelegt, während die Entfernung vom englischen Hafen Southampton bis Neuyork nur 3100 Meilen beträgt.

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