1881: 4-tägige Pferdejagt

Eines Tages, am 26. Oktober, entdeckt der Farmer, daß von seinem Pferdebestand auf den Weiden eine Anzahl fehlt. Ein Bekannter will diese irgendwo im Gebirge, nicht weit vom Yellowstone bei einer anderen Pferdeherde gesehen haben. Infolgedessen beschließt der Farmer, ins Gebirge zu reiten, um seine Pferde wieder einzufangen; dazu soll ich ihn begleiten.

Schon in der Frühe des nächsten Tages werden zwei Reitpferde gesattelt und ein Packpferd. Gegen zehn Uhr reiten wir los, zuerst das Tal des Bridger Creek hinauf bei sehr schönem Herbstwetter. Im Laufe des Nachmittags, nachdem wir etwa 25 Meilen (40 km) zurückgelegt hatten, schlagen wir in einer breiten Talebene unser Nachtlager auf. In der Nähe floß der Brackett Creek vorbei. Die Nacht war sternenklar, weitab von jedweder menschlichen Behausung sind wir „allein auf weiter Flur“ und bald deckt tiefer Schlaf unsere müden Glieder. Nach einer erfrischenden Nachtruhe brechen wir zeitig auf und reiten in den schönen Herbstmorgen hinein. Am Fuß eines Berges wird abgestiegen, die Pferde angebunden, während wir den Berg hinaufklettern, durch vieles Gestrüpp hindurch. Oben genießen wir eine ziemliche Rundsicht, können aber trotz eines guten Fernrohrs nirgendwo auf den Prärien eine Spur von Pferden entdecken. Gegen Mittag langen wir am „25 yard creek“ an. Im Laufe des Nachmittags berühren wir drei Farmen, auf der letzten erfahren wir von dem Besitzer, Mr. Officer, daß er die ihm beschriebenen Pferde bei der Herde eines anderen Farmers gesehen habe. Wir bleiben die Nacht über auf der Farm, aber im Freien. Mein Schlaf ist diesmal unruhig: Kein Wunder, da nicht weit von uns einige Cayodes (Steppenwölfe) ihr schauerliches Geheul ertönen lassen.

Den nächsten Vormittag jagen wir bergauf und ab, jedoch ohne Erfolg, bis wir mittags die Farm eines alten Junggesellen (old bachelor), Mr. Granniss, erreichen, der eine größere Pferdeherde besaß. Wir quartieren uns auf der Farm ein und erfahren bei der uns freundlichst dargebrachten Mahlzeit, daß unser Wirt in der Tat einige fremde Pferde in seiner Herde hat. Wir machen uns daher alsbald auf den Weg und reiten auf getrennten Pfaden die Hügel hinauf. Hierbei zeigte sich mein Gaul sehr störrisch. „Schkukum“ (gut) war er von einem Indianer getauft, von dem Gottschalk das Tier erstanden hatte. Weil er diesem Ehrentitel heute nicht entsprechen wollte, schnitt ich einen starken Heckendorn ab, der einen heilsamen Einfluß auf die Fortbewegung meines edlen Renners ausübte. Trotz langen Umherreitens ist mein Erfolg gleich Null – nirgends ein Pferd zu entdecken. Langsam reite ich die Anhöhen wieder hinab der Farm zu, die ich gerade vor Dunkelwerden noch erreiche.

Gottschalk ist noch nicht zurück, erst abends – es mochte wohl schon 8 Uhr sein, es war ganz finster – höre ich lautes Rufen. Gottschalk war draußen mit einer Herde von 30 Pferden. Schnell öffne ich die Umzäunung und gemeinsam treiben wir die Tiere in ein „Correll“, einen runden ringsherum abgezäunten Platz. Die vermißten Pferde und ein Maultier waren darunter. Unserem Wirt schien unser Erfolg nicht sonderlich zu behagen, er hätte lieber die Pferde behalten, doch machte er gute Miene und lud uns zum Abendbrot ein. Ohne Umstände machten wir uns darüber her und ließen uns das frisch gebackene Brot gut schmecken. Dieses gab es zu jeder Mahlzeit, von dem Farmer und noch einem anderen Hausgenossen selbst zubereitet. Nicht lange nachher streckten wir uns auf dem Fußboden aus, auf dem wir unsere Büffelfelle ausgebreitet hatten.

Nach einer vorzüglichen Nachtruhe waren wir am nächsten Morgen, es war Sonntag, 30. Oktober, schon um 6 Uhr im Sattel. Vorher hatten wir die uns gehörigen vier Pferde und ein Maultier von den übrigen Pferden getrennt, wobei uns der Farmer Granniss gute Dienste leistete. Die Tiere wollten nicht von der Herde weg, Granniss trat nun mitten in das Correll und jagte zunächst alle hintereinander an der Innenseite des Zauns entlang. Dann warf er geschickt den Lasso um den Hals einer schönen schwarzen Stute, die zu uns gehörte, darauf folgten die übrigen bald, die ich einzeln herausspringen ließ. Nachdem Gottschalk mit der Rappstute an der Hand vorausgeritten ist, jage ich die übrigen im Galopp vor mir hertreibend, aber schon nach einer kurzen Strecke brechen die Pferde seitlich aus und kehren im Bogen zur Herde zurück. Das Spiel wiederholt sich mehrere Male, bis endlich der alte Granniss sich auf eines der Pferde setzt, ohne Sattel, ohne Zaum, nur einen Strick dem Tier ins Maul schiebend. Nachdem wir so eine längere Strecke zurückgelegt, die Pferde hinter Gottschalk hertreibend, springt der alte Bursche gewandt wie eine Katze ab und kehrt langsam zu Fuß zu seiner Farm zurück.

Inzwischen reiten wir immer noch im Galopp weiter, bis wir nach einiger Zeit zur Linken den Yellowstone-River erblicken, während zur Rechten das Gebirge näher herantritt, so daß ein Ausbrechen der Pferde nicht mehr zu befürchten ist. Wir fallen endlich, nach 1½ stündigem Galoppieren, in Trab und haben nur mehr Muße, das schöne Flußtal zu genießen. Nicht lange bleibt uns der Yellowstone zur Seite, bald biegen wir nach rechts ab, höher dem Gebirge zu. Ein kalter Wind weht uns entgegen, der durch meine dünne Kleidung hindurchfegt. Nach einiger Zeit, während wir am Rand eines Waldes entlangreiten, Gottschalk etwa hundert Schritte voraus, erblicke ich einen Reiter auf uns zukommen. Schnell nehme ich mein Gewehr vom Sattelknopf in die Rechte und treibe mein Pferd in die Nähe des Farmers. Auch dieser hatte sein Gewehr schußbereit in die Hand genommen. Als der Fremde sich nähert, tauschen wir ein höfliches „How do you do“ aus, die Büchse wird wieder um den faustdicken Sattelknopf gehängt und weiter geht der Ritt. Wir erreichen bald einen fahrbaren Weg, eine regelrecht gebaute Landstraße, auf der wir gegen Mittag – welche Überraschung für mich! – ein Wirtshaus antreffen, das „Halfway House“ von Hopper.

Nachdem wir die Pferde in sicheren Verwahr gebracht, lassen wir uns eine einfache, aber sehr gute Mahlzeit wohl schmecken. Dann strecken wir unsere durch einen sechsstündigen Ritt ermüdeten Glieder zur wohlverdienten Ruhe aus. Nach zwei Stunden Rast schwingen wir uns wieder in den Sattel, doch wird mir das Reiten anfänglich recht sauer, da ich von der starken Anstrengung ganz steif geworden bin. Dem vorne reitenden Farmer mochte es geradeso gehen, indes lassen wir beide einander nichts merken. Immer höher geht es hinauf in die Rocky Mountains; der Wind bläst uns scharf ins Gesicht, bald beginnt es zu regnen. Wir können jetzt nur im Schritt vorwärts, die schmalen Pfade werden steil und steiler, wir erreichen endlich die Paßhöhe. Inzwischen hat uns der Regen schon ziemlich durchnäßt. In zahllosen Windungen geht es nun abwärts dem Tal des Bridger Creek zu. Allmählich verwandelt sich der Regen in Schnee, es beginnt schon zu dunkeln, als wir das Tal erreichen – nur noch wenige Meilen und wir sind am Ziel. Nach einem flotten Trabe kommen wir endlich, bis auf die Haut durchnäßt, auf der Farm an, die Dunkelheit war schon völlig hereingebrochen. Die Pferde werden, ausgenommen unsere Reit- und Packpferde, ohne weitere Umstände auf die schneebedeckten Weiden gejagt, wo sie sich mit der übrigen Herde vereinigen können. Wie mir der Farmer sagte, sind diese Pferde durch den dauernden Aufenthalt im Freien, im Sommer und Winter, so abgehärtet, daß sie allen Witterungsunbilden Widerstand leisten. Im Winter wird das Haar so dick wie ein Pelz. Im Hause werfe ich schnell die zum Auswringen nassen Kleider ab und lege mich, in eine Wolldecke gehüllt, ins Bett.

Beim Abendbrot gibt mir Frau Gottschalk einen Brief meines Bruders Adolf, der mir viele Neuigkeiten aus Barmen seit dem Tode meines Vaters berichtet. Dann bleiben wir drei in gemütlichem Geplauder noch einige Stunden im vom Holzfeuer erwärmten Wohnraum zusammen, wobei natürlich unsere viertägige Pferdejagd das Hauptgesprächsthema bildete.

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