1881: Ogden – Virginia City

August 1881

Erst abends 6½ Uhr können wir die Reise fortsetzen; zunächst geht es mit der Utah- and Northern R.R. am Salt Lake vorbei, dessen einsame Gestade von salzigen Fluten bespült werden. Heller Mondschein leuchtet durch die Täler, die wir nun durchfahren. An manchen Stationen wird uns Obst gereicht, von dem wir gerne etwas kaufen. Weiter ins Gebirge hinauf wird es wieder rauher. Am nächsten Tage, 9. August, fängt es leicht zu regnen an. Bei Eagle Rock im Staat Idaho kreuzen wir den Snake River. Nachmittags fahren wir durch enge Täler, deren schräg abfallende Seitenwände mit Unmassen von großen und kleinen Felsblöcken bedeckt sind.

Weiter nördlich beim Eintritt in das Territorium Montana führt uns der Zug durch fruchtbare Täler, doch die Berge erscheinen öde, unbewaldet. In Dillon haben wir abends 6 Uhr 40 Min. endlich die letzte Eisenbahnstation erreicht. Am Bahnhof erfrische ich mich mit zwei kleinen Gläsern Bier, für die ich 25 Cents erlegen muß.

Ab Dillon geht’s im Postwagen weiter

Ehe ich den breiten schweren Postwagen, der um 8 Uhr abfahren soll, besteige, lade ich an abgelegener Stelle vorsorglich meinen Revolver, um ihn dann in der hinteren Hosentasche verschwinden zu lassen. Schwer wird der Postwagen von allen Seiten mit Gepäck behangen. Im Innern sind neun Sitze: 3 hinten, 3 vorne und auf einem mittleren Brett können noch drei Personen Platz nehmen. Alle Plätze werden besetzt, schnell hatte ich mir den besten Platz ausgesucht und zwar auf der hinteren Bank in der Mitte, wo ich bei etwaigem Umwerfen mich am besten aufgehoben glaubte. Diese Vorsicht sollte sich schon nach wenigen Stunden bewähren.

Von vier kräftigen Pferden gezogen, fährt der Wagen in die Nacht hinaus, auf dem Bock sind der Rosselenker und ein Begleiter mit Gewehren und Revolvern bewaffnet. Die Wege, wenn man von solchen überhaupt reden kann, sind meist sehr schlecht. Keine gebauten Straßen sind vorhanden, man fährt eben über Land durch die Furchen, die andere Wagen gezogen haben. Die Brücken, die oft über tief dahinschießende Gebirgsbäche führen, sind durchweg in allereinfachster Art erbaut: nebeneinander gelegte runde Baumstämme, ohne Geländer, daher nur kundige Wagenführer diese Postfahrten leiten.

Die holprigen Wege mit den tiefen Furchen und großen Löchern verursachen oft sehr heftige Stöße und ein starkes Schwanken des Wagens, dessen Umwerfen wir manchmal befürchten. Trotzdem hat sich um Mitternacht allmählich der Schlaf der meisten Reisenden bemächtigt. Obwohl sehr müde, konnte ich den Schlaf noch nicht recht finden. Im Halbschlummer spüre ich, wie die linke Seite des Wagens in eine starke Vertiefung geraten ist. Ganz allmählich legt sich der schwere Wagen auf die Seite, mein linker Nachbar liegt unter mir, fest eingeschlafen, während mein rechter Nachbar schon durch die Fensteröffnung nach oben hinausklettert, worauf ich mit einem ungeduldigen „get out“ nachschiebe. Bald sind wir alle draußen, niemand verletzt und nichts beschädigt, Fensterscheiben waren nicht vorhanden. Mit großer Mühe wird der Wagen wieder aufgerichtet und das Gepäck aufs Neue angebracht, eine Szene, die der Vollmond neugierig beleuchtet, der mich mit schadenfrohem Lächeln schon zu so früher Morgenstunde zu meinem Geburtstage – der heilige Laurentius war gerade angebrochen – beglückwünscht.

Nach einem Aufenthalt von einer Stunde geht es flott weiter. In Salisbury wird um 3½ Uhr früh der Wagen gewechselt, worauf wir zu nur vier Personen weiterfahren und um 10 Uhr vormittags in Virginia-City anlangen. Die Anschlußpost haben wir versäumt, daher wir hier im Madison-House Quartier nehmen. Für Mittag- und Abendessen sowie Bett hatte ich zwei Dollars zu entrichten. Nachmittags machte ich einen längeren Spaziergang auf die das Städtchen umgebenden Berge. In der Stadt bemerkte ich viele Indianer, die träge vor den Häusern hockten. Ihr Aussehen hatte nichts Kriegerisches an sich und bot zu einem Vergleich mit den Cooper’schen Schilderungen keinen Anhalt.

One thought on “1881: Ogden – Virginia City

  1. Ursula Howland sagt:

    It is so much fun to follow your stories. You will have to keep posting till after you will be back in Germany. Your adventures just keep coming.
    We had a great time with you here in Bozeman. And we ARE looking forward to seeing you here again.
    Big hugs,
    Ursula

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