1881: New York – Niagara Falls – Chicago

Frühjahr 1881 – Abfahrt von Newark nach Chicago mit Besuch der Niagara Fälle

Die Wochen gingen in der Arbeit ohne Unterbrechung und besondere Ereignisse dahin. Inzwischen hatte ich mich auf Veranlassung meines Freundes Homberg mit einem im fernen Westen wohnenden Farmer, August Gottschalk in Bozeman, Montana Territory, in Verbindung gesetzt. Er schrieb mir bald wieder und ermunterte mich, in die dortige Gegend zu kommen, wo ich nach seiner Meinung ein gutes Auskommen finden und zugleich Gelegenheit haben würde, der Jagd auf allerlei Wild, Hirsche, Elche, Löwen und Büffel usw. obzuliegen. Ich faßte den Entschluß, die weite Reise dorthin zu wagen und setzte meine Abreise auf Ende Juni oder Anfang Juli fest.

[…]

Bald hatte meine Abschiedsstunde für Newark geschlagen. Wir saßen am Freitag, den 1. Juli abends bei einer Erdbeerbowle im Kurzenberger’schen Lokal. Bei dieser Gelegenheit brachte ich auf vier Geburtstagskinder ein Hoch aus: meine Mutter und zwei ihrer Geschwister, alle in Barmen, sowie eine Tochter von Herrn Hornich [Bekannter des Vaters] wurden gefeiert. Zum Schluß gab es Champagner.

Der nächste Tag war mein Reisetag. Nachdem ich im Passaic-Fluß ein erfrischendes Bad genommen, machte ich den Familien Hornich und Steffens [Inhaber einer Lackfabrik] meine Abschiedsbesuche, um nachmittags meine Reise nach Chicago anzutreten. In der Stadt herrschte große Aufregung: gegen den Präsidenten Garfield war ein Revolverattentat verübt worden, wodurch er schwer verletzt wurde. Einige Monate später sollte er dieser Verletzung erliegen.

Um 5 Uhr 23 fuhr ich bei schönem Wetter von Newark ab. Die Fahrt ging zunächst nach Norden am rechten Ufer des Hudson entlang. Am Sonntag, den 3. Juli in der Frühe passierten wir einen Fluß, der tief unter der Bahn über mächtige Felsen hinstürzte. Um 10½ Uhr erreichten wir die Niagara-Fälle. Ich verließ den Zug, um einige Stunden Aufenthalt zu nehmen und die großartigen Fälle zu besichtigen. Auf dem Wege dorthin kam mir schon von weitem Sprühregen entgegen, während ein immer mehr anschwellendes, donnerndes Rauschen der Wassermassen mir in die Ohren drang. Es war ein geradezu überwältigender Anblick, der sich mir bot: die ungeheuren Wassermengen des mächtigen Stromes, der den Erie-See mit dem Ontario-See verbindet, stürzen in einer Breite von mehr als 900 m schäumend und brausend mit betäubendem Lärm in die Tiefe, jede Minute 500 000 cbm Wasser versendend. Nach drei Stunden Aufenthalt ging die Fahrt gen Westen weiter zunächst auf kanadischem Boden über Paris und London bis Detroit (die Amerikaner sagen „Ditreut“), wo der aus 16 Wagen bestehende Zug von einem riesigen Dampfer über den Detroitriver überführt wurde. Am 4. Juli vormittags 10 Uhr erfolgte meine Ankunft in Chicago, der „Metropole des Westens“.

5 thoughts on “1881: New York – Niagara Falls – Chicago

  1. Nancy sagt:

    Can’t believe that your g-g-grandfather made it all the way to Chicago in just a couple of days.by wagon. His descriptions allow one to almost be there with him. I can see why you wanted to repeat him trip.

    1. Sibylle sagt:

      Yes, he moved pretty quickly…Yes, his diary is pretty cool – and the English version is just my modern translation. I love how he describes it all in German even more!

  2. Heinz-Peter Dahl sagt:

    Dear Sibylle,
    At first I could not believe that you would really carry out the trip to Bozeman. Today the journey to the West is similarly precarious like in those older days. Additionally America has drastically changed – just observe its political confusions. As your eldest uncle; please keep your eyes very wide open and, finally, have a safe return home.
    I will always be very curious on your personal findings.
    Best wishes for you further trip and excursions.
    Uncle Peter (Dahl)

    1. Sibylle sagt:

      today….i arrived in Bozeman, Montana 🙂

  3. Ingrid Witzig sagt:

    Hallo Sibylle
    Mit Spannung verfolgen wir wieder sonntäglich beim Kaffeeklatsch deine neuen Abenteuer.Besonders deine Fotos mitsamt Kommentar lassen uns deine Reise miterleben. Weiterhin viel Glück und tolle Menschen zum Kennenlernen wünschen dir Oma Gunda Tantchen Ingrid und Harald

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