1881: Indianer

Am Montag, den 26. September wollte ich zur Stadt. Frau Gottschalk bot mir Pferd und Büchse ihres Mannes an, was ich aber dankend ablehnte, obwohl wir gehört hatten, daß Indianer in der Nähe hausen sollten. Nachmittags marschierte ich der Stadt zu und entdeckte bald einen Trupp Reiter durch den Wald auf mich zukommen. Es waren Snake- (Schlangen) Indianer, an der Spitze galoppierte ein großer Häuptling, der mir im Vorbeireiten „Hau, Hau“ zurief, welchen Gruß ich prompt erwiderte. Auch die übrigen riefen, „Hau, Hau“, wie eine bellende Hundemeute.

In Bozeman waren alle Läden geschlossen; die Kunde von dem am 19. September erfolgten Tode des Präsidenten Garfield, der einem am 2. Juli gegen ihn verübten Revolverattentat zum Opfer fiel, war inzwischen hierher gedrungen.

Im Ort trieb sich eine große Anzahl Indianer von mehreren Stämmen, die Snake, Bannock, Flathead und Blackfeet-Indianer herum, wohl 500 an der Zahl, die hierher gekommen waren, um Einkäufe oder Tauschgeschäfte zu machen und für ihre großen Büffeljagden am Yellowstone sich auszurüsten. Die mir begegnenden Frauen – Squaws – waren durchweg klein und recht häßlich, sie trugen ihre kleinen Kinder in einem Sack auf dem Rücken. Unter den Männern sah ich einzelne kräftige Gestalten mit schwarzen unheimlich blitzenden Augen. Im Kopp’schen Metzgerladen erstand ein älterer Indianer einige Suppenknochen, die er einer Squaw aufbürden wollte, wir machten ihm indes begreiflich, daß dies nicht „gentleman-like“ sei, was ihn sichtlich erstaunte.

Es dunkelte schon, als ich den Heimweg zur Farm antrat.Als ich die Stelle im Walde wieder erreichte, wo mir die ersten Indianer begegnet waren, schimmerten am Rande des Waldes viele Zelte durch das Abenddunkel. Einer plötzlichen Eingebung folgend, schritt ich auf ein Zelt zu und rief schon in einiger Entfernung „Hau, Hau“. Ein freundliches „come in, Sir !“ bewies mir, daß ich unbesorgt eintreten konnte. Der Indianer hatte den Zeltvorhang am Eingang zurückgeschlagen, hieß mich eintreten und lud mich zum Sitzen ein. Ein aus Büffelfellen hergerichtetes Lager bot mir eine bequeme Ruhebank. Das Zelt war von Rauch erfüllt, so daß ich erst nach einiger Zeit meinen gastfreundlichen Wirt erkennen konnte. Zwei kleine Mädchen trugen Holz herbei und unterhielten das Feuer. Der Indianer hatte langes, schwarzes, in Strähnen geflochtenes Haar, den Scheitel rot gefärbt, die Haut war pergamentartig.

Er sprach ziemlich geläufig englisch, daher wir uns gut verständigen konnten. Bald stellte sich heraus, daß er mit Gottschalk, dessen Spitzname „Dutch Gus“ ihm wohl bekannt war, schon vor längeren Jahren am 25 Yard Creek zusammen gejagt und einen black tail (Hirsch mit schwarzem Schwanz) erlegt hatte. Er nannte sich Carpenter, trug mir Grüße an Gottschalk auf und entließ mich mit einem „take care of yourself“, wobei er seinem Erstaunen Ausdruck gab, daß ich keine Büchse bei mir trug. Das gastfreundliche Verhalten dieses Indianers rief mir im Augenblick die bekannte Erzählung von Ad. v. Chamisso „Wir Wilden sind doch bess’re Menschen“ ins Gedächtnis. Auch er kannte nichts von „Europens übertünchter Höflichkeit“ noch von sog. christlicher Nächstenliebe, doch durfte er in Betätigung menschlicher Tugenden kaum hinter einem Vertreter der Civilisation zurückgeblieben sein. Diesen Eindruck gewann ich aus der viertelstündigen Unterhaltung im Indianerzelt.

Auf der Farm hatte sich unterdes Frau Gottschalk sehr beunruhigt über mein Ausbleiben, da ihr die Anwesenheit von Indianern bekannt geworden war.

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