1881: Auf Jagt

Ehe ich meinen Plan, in der Stadt ein Unterkommen zu finden, ausführen konnte, bot mir eines Tages der Farmer an, gemeinschaftlich mit ihm auf die Jagd zu gehen, um Elche und womöglich auch Bären zu schießen. Hocherfreut ging ich auf seinen Plan ein. Am 10. Dezember wurde der Schlitten mit 2 Pferden bespannt, die der Farmer führte, während ich ein weißes Maultier besteige und dazu ein Reitpferd – Schkukum – an die Hand nehme. Nachdem wir 13 Meilen durch den tiefen Schnee zurückgelegt, schlagen wir am Bridger Creek beim Eingang in ein Seitental unser Lager auf. Die Pferde werden angebunden und bleiben in der Nähe des Schlittens.

Während Gottschalk mit Schkukum in den Wald hinaufreitet, klettere ich zu Fuß auf die beschneiten Anhöhen, jeder die Spuren des Wildes verfolgend, die im Schnee deutlich erkennbar sind. Nach kaum einer halben Stunde entdecke ich neben einer Hasenfährte die ganz frische Spur eines Mountainlion, eines Gebirgslöwen. Im ersten Augenblick überlief es mich doch kalt bei dem Gedanken, mich einem so gefährlichen Gegner gegenüber zu befinden. Dann aber halte ich mein Gewehr schußbereit und mache mich auf die Suche nach dem edlen Wild, begierig, das erste gefährliche Abenteuer zu bestehen. Die Spur führte mich in eine schmale Schlucht, die stark verschneit, daher schlecht zu begehen war. Riesige Felsblöcke versperren oft den Weg, vorsichtig umkreise ich jeden Felsen, um den die Löwenspur herumführt. So mochte ich eine halbe Stunde talabwärts gegangen sein, als ich beim Ausgang dieser Schlucht plötzlich ein Geräusch höre. Hinter einem umgestürzten Riesenbaum bleibe ich einen Augenblick stehen, die Büchse im Anschlag. Zu meiner Verwunderung erblicke ich auf hundert Schritte vor mir den Farmer, der zu Pferde den Wald herunterkommt und mir beim Näherkommen erklärt, daß ich mit dem Aufsuchen des Löwen schwerlich Glück haben würde. „Die laufen 50 Meilen weit und sind selten vors Gewehr zu kriegen“, sagt er. Auch er hatte nichts geschossen. Wir suchen unseren Schlitten auf und machen unsere Abendmahlzeit zurecht. Dann legen wir uns in die Büffelfelle, die nebst einigen wollenen Decken im Schlitten ein warmes und bequemes Nachtlager für uns abgeben. In der Nacht fängt es an zu schneien, daher ich mir das graue Zelttuch über den Kopf ziehe, zumal die Kälte -20 bis -25 °C betrug.

Der nächste Tag ist ein Sonntag. Diesmal gehen wir beide zu Fuß in die Berge, doch kein Wild will uns vor die Flinte kommen. Endlich bringt der Farmer einen Hasen mit ganz weißem Fell zur Strecke. Der Schnee war an einzelnen Stellen so tief, daß ich mehrere Male bis an die Brust einsinke und mich nur mühsam mit dem Gewehr wieder heraus zu arbeiten vermag. Wir beschließen, am nächsten Tag den Marsch talaufwärts nach dem Brackett Creek zu aufzunehmen. Um 8 Uhr früh brechen wir auf. Bei der alten Sägemühle, in deren Nähe wir im Monat August schon einmal gelagert haben, müssen wir den fast 2 m hohen Schnee wegschaufeln, da wir sonst den Schlitten nicht durchbringen. Fast den ganzen Weg, etwa 12 Meilen, mußte ich zu Fuß zurücklegen, die beiden Pferde einzeln, das eine am Zügel, das andere am langen Seil hinter mir herführend, wobei die Tiere immer genau in meine Fußstapfen hineintreten – ein äußerst mühsamer Marsch, zu dem wir über sieben Stunden gebrauchten.

In der Nähe des Brackett Creek stellten wir in einem breiten Wiesental den Schlitten auf und schlugen darüber ein Zelt, nachdem wir aus dem nahen Wald sechs gerade gewachsene, junge Stämme abgehauen hatten als Stützen des Zeltes. Die Pferde wurden in gewohnter Weise angebunden. Nachdem wir ein Feuer angezündet und unsere Abendkost verzehrt hatten, krochen wir hundemüde in unsern Schlitten. Holz zum Feuer wußte der Farmer stets zu finden, da er die Stellen, an denen die Indianer zu lagern pflegten, genau kannte. Nach einer guten Nachtruhe machten wir uns nach dem Frühstück wieder auf den Weg.

Der Farmer reitet wieder den Schkukum; im Laufe des Vormittags schießt er auf einen schönen Elch, verfehlt ihn aber. Inzwischen war ich in dichtes Gehölz geraten, wo ich eine frische Bärenspur finde. Nach längerem Wandern und Klettern setze ich mich erschöpft zwischen niedrigen Tannen in den Schnee, um auszuruhen. Allmählich treibt mich der Hunger wieder bergabwärts. Es mochte wohl 3 Uhr nachmittags sein, als ich im Lager bei unserem Schlitten wieder eintreffe. Vom Frühstück lag noch ein Stück gebratenes Fleisch im Schnee, das ich mit Heißhunger verzehre. Nach einiger Zeit sehe ich auf der weißen Fläche, die sich bis zur jenseitigen bewaldeten Anhöhe hinzieht, eine menschliche Gestalt auf mich zukommen. Bei deren Näherkommen erkenne ich einen baumlangen Menschen, der ohne Kopfbedeckung, ein blankes Beil in der Hand tragend, meinem Zelt zusteuert. Ich hatte mein Gewehr an den Schlitten gelehnt; ich hole es und mache mir damit zu schaffen, um es auf alle Fälle immer schußbereit in der Hand zu haben. Der Fremde ruft mir ein freundliches „how do you do“? zu, was ich natürlich ebenso freundlich erwidere. Er erzählt mir dann, daß er in der Nähe mit noch einem anderen Jäger schon seit drei Wochen in einer alten Indianerhütte im Walde kampiere, ohne bisher etwas Nennenswertes geschossen zu haben. Er forderte mich auf, sie doch mal aufzusuchen, was ich ihm versprach, da er trotz seines wilden Aussehens und seines rauchgeschwärzten Gesichts einen durchaus guten Eindruck auf mich machte.

Als Gottschalk endlich zurückkommt – es dunkelte bereits – machen wir unsere Mahlzeit zurecht und suchen dann jene Hütte auf. Nachdem wir das breite Tal durchquert, mußten wir durch den Fluß, Brackett Creek, der an dieser schnell fließenden Stelle nicht zugefroren war. Mit einigen langen Sätzen springen wir hindurch, wobei wir natürlich gründlich naß werden. Am anderen Ufer führte der Weg aufwärts in den Wald, wo wir nach einigen Minuten schon die Hütte entdecken. Wir finden beide Jäger auf ihrem Lager sitzend, uns gastfreundlich begrüßend. An dem mächtigen Holzfeuer können wir unsere nassen Hosen trocknen. Die Unterhaltung dreht sich nur um die Jagd und die Aussichten auf Wild. Der Jäger, den ich schon nachmittags kennen gelernt, entpuppt sich mir als ein Kanadier französischer Abstammung, daher wir uns eine Zeitlang auf französisch unterhalten, was indes dem Kanadier nicht mehr geläufig war. Der andere Jäger, Jack, verabredet mit Gottschalk, am nächsten Tage gemeinsam auf die Jagd zu gehen. Nach einigen Stunden machen wir uns auf den Rückweg. Wieder geht es durch den Fluß und über die breite Schneefläche bis zu unserem Zelt. Da unsere Füße ganz naß sind, wird erst noch ein Feuer angemacht und Hosen und Strümpfe daran getrocknet, bevor wir unser Lager aufsuchen.

Am nächsten Morgen reitet der Farmer mit Jack nach dem 25-yard-creek, während ich wieder den selben Weg wie gestern in die Berge steige, ohne außer einer frischen Elchspur irgend auf Wild zu stoßen. Nachmittags suche ich den Kanadier auf, mit dem ich lange Zeit, bis spät abends, eine interessante Unterhaltung führe. Er erzählte mir, daß er 1866, also vor 15 Jahren, am Tage nach Weihnacht als fünfzehnjähriger Junge von Indianapolis fortgelaufen und sich in St. Louis verdungen hätte, um Vieh nach Helena in Montana zu treiben. Ungefähr 5½ Monate war er damit unterwegs und erhielt dafür monatlich 75 Dollars und freie Beköstigung. In Helena bekam er sofort Anstellung beim Heumachen gegen einen Tagelohn von acht Dollars auf vier Wochen. Dann schickte ihn ein Bürger nach Fort Benton, von wo er dessen Frau mit dem Wagen heimbringen sollte, wofür ihm der ansehnliche Betrag von einhundert Dollars zu Teil wurde. So hatte er nach Ablauf von acht Monaten, seitdem er von der Heimat fort war, sechshundert Dollars, ein kleines Vermögen, erworben. Später kaufte er Vieh und Pferde, bis ihm eines Tages sein ganzes Eigentum von den Indianern geraubt wurde und er nur mit knapper Not sein nacktes Leben rettete. Jetzt lebt er von der Jagd. Am 11. August war er 29 Jahre alt geworden, somit gerade zwei Jahre älter als ich.

Spät abends kehrten die beiden anderen Jäger zurück. Gottschalk hatte einen Blacktail und zwei Elche geschossen. Für den nächsten Tag wird ein gemeinsamer Jagdausflug verabredet. Schon in der Frühe des herandämmernden Tages werden die Pferde gesattelt. Wir machen uns alle beritten und nehmen noch drei Handpferde zum Aufpacken der Jagdbeute mit. Ich reite diesmal Nelly und führe ein zweites Pferd an der Hand. Nach einem Ritt von einer Stunde wird in einem bewaldeten Berghang Halt gemacht. Der Farmer reitet mit Jack alleine vor, um einen gestern krank geschossenen Elch abzufangen. Währenddem bleiben wir, der Kanadier und ich, mit fünf Pferden zurück. Viele Stunden sollten wir hier warten, was bei der grimmigen Kälte keine angenehme Aufgabe war. Endlich, es war längst Nachmittag geworden, kommen die beiden Jäger zurück. Wir brechen nun mit unseren Pferden auf, um die Jagdbeute herzuschaffen. Erst nach langem Suchen, es dunkelte bereits, konnten wir die beiden Elche auffinden. Das Ausschlachten der besten Teile besorgte der Farmer in verhältnismäßig kurzer Zeit, wobei ich ihm nach bestem Können zur Hand ging. Endlich war das Wild auf die beiden Packpferde geladen und wir konnten den Rückweg antreten. Zum Glück leuchtete ein klarer Sternenhimmel über uns. Der Farmer kannte die Gegend, richtete sich überdies nach den Sternbildern. Wir mußten einen steilen Wald hinaufklettern und auf der anderen Seite wieder hinunter, erst spät erreichten wir unser Lager. Trotzdem suchten wir, nachdem das einfache Abendbrot verzehrt war, nochmals die alte Indianerhütte auf, in der wir mit den anderen Jagdgenossen bis nach Mitternacht bei frohem Weidmannsgeplauder zusammen blieben. Manches Jagderlebnis aus früherer Zeit wurde besprochen und, da es an den tollsten Übertreibungen hierbei nicht mangelte, oft herzhaft belacht.

Der Farmer wollte am nächsten Tage das Lager abbrechen und den Heimweg antreten. Aus diesem Grunde begab ich mich zunächst in den nahen Wald, um ein Elchgeweih zu holen, das ich dort entdeckt hatte, nun aber nicht wiederfinden konnte. Im schneebedeckten Wiesengrund erblickte ich plötzlich in einer Entfernung von etwa hundert Schritten vor mir einen mächtigen Wolf, der mich ebenfalls beäugt und dann langsam dem Walde zuschreitet. Es war ein „Timberwolf“, die nicht in Rudeln sondern einzeln auf Beute ausgehen, wie mir der Farmer später erklärte. Mein Gewehr hatte ich im Lager gelassen, ich war daher nur mit einem Messer, das im Gürtel stak, bewaffnet. Der Wolf schien aber keinen Hunger auf Menschenfleisch zu haben und verschwand bald im Walde, wo ich gleich darauf einen weißen Hasen flüchtig vorüberspringen sah.

Im Lager hatte inzwischen der Farmer die Pferde fertig gemacht für den Aufbruch. Das Zelt wird abgebrochen und im Schlitten verpackt mit dem reichlichen Wild, das wir gestern Abend heimgebracht. Um Mittag treten wir den Rückmarsch an, ich wieder vorne mit zwei Pferden, das eine am langen Seil hinter mir herführend. Die ersten Stunden vergingen leidlich, doch nur langsam ging es vorwärts. Nach einigen Stunden verengt sich das Tal, die Scheemassen legen uns oft sehr große Hindernisse in den Weg. Es war längst dunkel geworden, als wir uns der alten Mühle nähern, wo ungeheure Bollwerke von Schnee den Durchmarsch einfach unmöglich machen. Ich sitze ab, da mir ohnehin die Füße zu erfrieren drohen. In der Dunkelheit weist mir der Farmer, der die Gegend wie seine Tasche kennt, einen nach der linken Bergseite leicht ansteigenden Hügel, zu dem ich nun die Richtung aufnehme, Schritt für Schritt mich durch die Schneemassen durchkämpfend, während die beiden Pferde getreu hinter mir herstapfen. Der Schlitten bleibt einstweilen zurück. Nach etwa zweihundert Schritten trete ich den Rückmarsch an, in Schlittenspurweite von dem eben zurückgelegten Wege entfernt, auf diese Weise eine Bahn für den schwerbeladenen Schlitten herstellend. Aber nochmals muß dieser anstrengende Versuch, für den Schlitten ein Durchkommen zu ermöglichen, erneuert werden. Mehr als eine halbe Stunde erforderte es, um diese kurze Strecke vier mal zurückzulegen. Endlich kann der Farmer mit dem Schlitten folgen. Seine Absicht, noch am selben Abend die Farm zu erreichen, findet nicht meine Zustimmung, vielmehr machte ich ihm den Vorschlag, an einer geschützten Stelle das Nachtlager aufzuschlagen. Die Anstrengungen dieses letzten Wegestückes hatten mich aufs äußerste erschöpft, während der Farmer von seinem Bock aus den Schlitten führte und durch eine dicke Pelzmütze gegen die Kälte geschützt war. In kurzer Zeit hatte Gottschalk trotz der herrschenden Dunkelheit eine für unser Lager sehr geeignete Stelle gefunden. Er kannte den Platz als ein altes Indianer Camp sogleich wieder. Am jenseitigen Fuße des Hügels, den wir vorher erklommen, zwischen einzelnen Bäumen fanden wir bald unter dem Schnee einige dicke Baumstämme und sonstiges Holz und in wenigen Minuten loderte ein lustiges Feuer, an dem wir unsere gefrorenen Glieder erwärmen konnten. Die für solche Fälle so wertvollen Streichhölzer befanden sich im Gewehrkolben, wo sie trocken und gut verschlossen aufbewahrt waren. Der Farmer holt geräucherte Büffelzunge, Mehl und Zucker aus dem Schlitten, während ich aus dem nahen Bach, dessen Eisdecke erst eingeschlagen werden muß, in einer Blechkanne Wasser herbeischaffe, um einen wärmenden Kaffee zu bereiten. Dann lassen wir uns die aus Büffelzunge und einem gut geratenen Pfannkuchen bestehende Mahlzeit gut schmecken, auch wird der heiße Kaffee bei der furchtbaren Kälte als besondere Annehmlichkeit empfunden. Um die ausgestandenen Strapazen vergessen zu machen, holt schließlich Gottschalk eine gut aufbe-wahrte Flasche Branntwein hervor, von deren Vorhandensein er bisher sorgfältig geschwiegen hatte. Unsere Pferde vergaßen wir natürlich nicht, da wir Hafer für sie mitgenommen hatten. Gleichwohl war ihr Hauptfutter das nahrhafte Präriegras, das sie sich unterm Schnee hervorscharrten. Bald lagen wir im Schlitten, um einen festen Schlaf zu tun, den letzten unter freiem Himmel.

Die Anstrengungen des vergangenen Tages, die meine Kräfte aufs äußerste angespannt hatten, lagen mir noch in den Gliedern, als ich aus dem Schlitten kletterte und die Pferde fertig machte. Das Frühstück war bald bereitet. Ein heller, klarer, aber auch recht kalter Wintermorgen begrüßte uns, als wir den Heimmarsch antraten. Unsere Stimmung war die beste, nachdem wir die Strapazen dieser achttägigen winterlichen Jagd hinter uns hatten. Es waren in der Tat Anforderungen an unsere körperlichen Leistungen und unsere Widerstandsfähigkeit gegen die andauernde furchtbare Kälte gestellt worden, wie sie kaum in Feldzügen ihres gleichen finden dürften. Sieben Nächte bei durchschnittlich -20 bis -25 Grad R. [Réaumur] im Schlitten, den kalten Sternenhimmel als Dach über uns.

Von unserem Lager aus hatten wir jetzt verhältnismäßig bequemen Weg, fast eben zog dieser sich an der linken Bergseite hin und in munterem Trabe kamen wir schnell vorwärts. Vom nahen Wald holten wir mit der Axt zwei schöne Tannenbäumchen herunter, die unseren Weihnachtstisch schmücken sollten. Rechts unten im Tal floß unter eisiger Decke der Bridger Creek lautlos und bleiern dahin. Das große Felsentor der engen Talschlucht, in die wir jetzt einbogen, sahen wir schon vor uns und bald, es war kurz vor Mittag, trafen wir auf der Farm ein, mit einem herzlichen Willkommen von Frau Gottschalk empfangen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *