1881: Weihnachten in Bozeman

Das Weihnachtsfest brachte einiges Leben in das Städtchen, in dem sonst wenig Zerstreuungen geboten wurden. Am ersten Feiertage fahren wir zur Farm, wo wir zu Mittag essen. Frau Gottschalk schenkt mir ein schönes seidenes Tuch, was mir besondere Freude bereitet. Derartige Tücher bilden hierzulande Ersatz für Schlips und Kragen. Kein Mann trägt Faltenhemden oder gar Kragen und Manschetten. Ein wollenes Hemd mit einem wollenen oder seidenen Halstuch bilden die Unterkleidung des Hinterwäldners. Selbst am zweiten Feiertage, als wir den Weihnachtsball in der großen Halle der Spieth’schen Brauerei besuchten, war nur ein kleiner Teil der erschienen Gäste mit weißem Hemd versehen – ein Kleidungsstück, das sie sich aus ihrem Vorleben in einer größeren Stadt herübergerettet hatten. Einzelne Fransen, die an den schlecht gebügelten Hemdärmeln oder den „Röllchen“ hervorlugten, deuteten bei manchem Träger dieses die „Zivilisation“ kennzeichnenden Kleidungsstückes auf baldigen Verfall und Ersatz durch das wollene Hemd des Hinterwäldners hin.

Infolge einiger von Barmen erhaltener Briefe, in denen meine baldige Rückkehr gewünscht wird, um an der Leitung des väterlichen Geschäfts teilzunehmen, lasse ich mir von meinem Bruder durch Notar Davis eine Vollmacht ausstellen, um seine Interessen zu Hause vertreten zu können.

Am 29. Dezember kommt ein Pastor aus Helena, der in Kopps Haus eine Messe liest. Erst hierdurch erfahre ich, daß Kopp Katholik ist. Bei dieser Gelegenheit werde ich in einige Geheimnisse bzw. Einrichtungen der katholischen Kirche eingeweiht: ich erhalte den Auftrag, Hostien anzufertigen! Für einen freidenkenden Protestanten ein eigenartiger Auftrag, dessen ich mich alsbald so gut wie möglich entledige. Weizenmehl wird mit etwas Wasser gut gerührt und dann der Brei zwischen zwei heißen Bügeleisen, die mit weißem Wachs bestrichen werden, gepreßt. Nachdem ich alsdann vermittelst eines Wasserglases runde Plätzchen aus dem Teig geformt, lieferte ich diese an den Pfarrer ab, der dem an sich geringen Wert des Gebäcks durch „geistlichen Zusatz“ die Imponderabilien der geweihten Hostie verschaffte.

Nachdem ich so meine Bäckereikunst erwiesen, sollte ich am selben Tage noch das Amt eines Wasserträgers übernehmen. Im Laufe des Nachmittags kam ein junges Mädchen – hierzulande eine sehr seltene Erscheinung – aus der Nachbarschaft, um aus unserem im Hofe befindlichen Brunnen Wasser zu holen; bei der großen Kälte war an ihrem Hause der Brunnen zugefroren. Da nun das Mädchen erstens kein Dienstmädchen und zweitens sehr hübsch war, konnte ich nicht zugeben, daß sie den Wassereimer selbst trüge, daher ich ihr diesen Dienst mit besonderem Vergnügen erwies. Dies war nun für die nächsten acht Tage noch täglich zwei bis dreimal erforderlich, wobei ich Gelegenheit hatte, auch die verheiratete Schwester, Frau Barker, kennenzulernen. Diese machte nun bei Kopps Besuch. Wollte sie sich mal über den Wasserträger erkundigen? Nachdem ich sie nach Hause zurück begleitet, erfahre ich dort, daß ihr Mann mein Ordensbruder ist, wodurch die bereits angeknüpfte Bekanntschaft noch befestigt wird. Wenn ich mit den beiden Eimern im Hause erscheine, dankte mir das hübsche Mädchen jedesmal mit den Worten: „I am ever so much obliged to you“, bis ich nach Ablauf von einer Woche den Bescheid erhalte, daß es des Wasserbringens nicht mehr bedürfe. Schade, es war so nett!

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