1881 Chicago

4. Juli 1881

Durch festlich geschmückte Straßen, in denen das nordamerikanische Sternenbanner in zahllosen Flaggen im Winde flatterte, ließ ich mich zur Turnhalle fahren, wo mich mein Bruder Rudolf erwartete, der schon seit September vorigen Jahres hier in Stellung war. Man feierte heute den „Independence Day“, die Erinnerung an die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten am 4. Juli 1776. Nach einem erfrischenden Bad im Michigan-See machten wir einen Besuch bei Dr. Ruschhaupt, dem ich Grüße von seinem Schwager, Dr. Deubel in Barmen überbrachte. Daran schloß sich eine kleine Bierreise, worauf ich in dem von meinem Bruder bewohnten Boardinghouse ebenfalls Quartier nahm.

Den nächsten Tag benutzte ich zum Besuch mehrerer bedeutender Lederfabriken, um für einige Wochen Arbeit anzunehmen, weil es mir für die große Reise nach dem fernen Westen noch einiger Barmittel ermangelte. Nachmittags lernte ich einen Franzosen, Marius Giraud, kennen, der im Jahre 1868 mit meinem älteren Bruder Alex in München zusammen gearbeitet hatte; er nahm uns freundlich in seiner einfachen Wohnung auf, wo wir auf dem flachen Dach des Hauses uns angelegentlichst unterhielten. Am 6. Juli fand ich in der bedeutenden Oberlederfabrik von Grey Clark & Co. Stellung als border (Aufpan-toffler) und begann um 1 Uhr mittags meine Tätigkeit gegen einen Wochenlohn von elf Dollars.

Die nächsten Tage hatten wir unter furchtbarer Hitze zu leiden. Schon um 7 Uhr bei Beginn der Arbeit war das Thermometer auf über 36 °C gestiegen, während mittags eine Hitze von 40°C bis 42°C herrschte. Mehrere Nächte verbrachte ich auf dem Fußboden des Treppenflurs oder in einem Rockingchair (Schaukelstuhl), den ich auf die Straße gestellt hatte. Am Sonntag, den 10. Juli besuchte ich mit Rudolf den Lincoln-Park am Ufer des Michigan-Sees, eine herrliche Anlage der Stadt Chicago. Im Laufe der nächsten Wochen lernte ich noch mehrere Landsleute aus der bergischen Heimat kennen, so Julius Tückmantel und dessen Onkel Knecht, beide aus Solingen.

Die Arbeitsverhältnisse in den großen Fabriken waren recht unsicher. Stockte die Arbeit einmal aus Mangel an Material, was oft vorkam, so mußte ein Teil der Arbeiter einfach für einen oder mehrere Tage feiern, natürlich ohne jede Vergütung; Kündigungsfristen gab es nicht. Während meines vierwöchentlichen Aufenthalts in Chicago hatte ich meine Reisekasse etwas aufgebessert und auch ein Paar neue Schuhe erworben. Am Tage vor der auf den zweiten August festgesetzten Abreise kaufte ich eine Anzahl verschiedener Gerberwerkzeuge ein, mit denen ich die im „far west“ einzurichtende Gerberei zu betreiben gedachte.

Gerade 4 Wochen hatte ich in der großen Handels- und Industrie-Metropole zugebracht, 4 heiße Wochen, in denen jeder einzelne Tag unzählige Schweißtropfen aus mir herausgepreßt hatte. Die andauernde Hitze hatte mich stark mitgenommen. Froh wandte ich der Riesenstadt den Rücken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *