1881: Chicago – Kansas City – Denver

Am 2. August fuhr ich, von meinem Bruder bis zum Bahnhof begleitet, mit dem Mittagszuge von Chicago ab auf der Chicago-Burlington & Quincy-Railroad. Obschon ich einen sog. „Emigrant Train“ benutzte –  nur 3. Klassewagen –  mußte ich für die Reise nach Bozeman 61½ Dollars auslegen; es war allerdings eine Entfernung von 2230 engl. Meilen, rund 4000 Kilometer. [1Meile = 1,609km, 2230 engl. miles = 3588km ]

Der Zug war ziemlich besetzt, es waren meistens Auswanderer, die im Westen eine neue Heimat suchten. Viele Schweden mit flachsblondem Haar befanden sich darunter. Nachmittags hätte ich in Galesburg den Zug verlassen müssen, jedoch durch ein Versehen des Schaffners reiste ich volle drei Stunden in verkehrter Richtung, bis ich an einem Knotenpunkt in einem anderen zur Abfahrt bereiten Zug die Rückreise antreten konnte, ohne einen Cent nachzuzahlen und nach sechs Stunden wieder in Galesburg eintraf. Inzwischen war es Nacht geworden. Am Bahnhof mußte ich noch fünf Stunden auf unbequemen Stuhlbänken zubringen, um dann nach 4 Uhr früh die Reise fortzusetzen. Nach vierstündiger Fahrt erreichten wir bei Quincy den Mississippi, dessen breite Wasserfläche wir auf einer riesigen Brücke kreuzten. In Quincy hatten wir einen zweistündigen Aufenthalt. Auch auf der ferneren Fahrt sollten wir noch oft derartige zeitraubende Verzögerungen erfahren, von denen im Fahrplan nichts zu ersehen war. Um 10 Uhr ging es weiter mit der „Hannibal- und St. Josephbahn“ nach Kansas-City, das wir abends um 9½ Uhr erreichten, nachdem wir kurz vor der Stadt die Wellen des mächtigen Missouri passiert hatten. Nach einstündigem Aufenthalt ging es weiter dem Westen zu.

Bis hierher bestand der Zug aus 2. Klassewagen, der eigentliche Auswandererzug sollte hier erst beginnen. An jedem Fenster rechts und links des Wagens standen sich zwei große zweisitzige Lattenbänke gegenüber, in der Mitte des Wagens einen Durchgang freilassend. Diese Bänke ließen sich zusammenschieben derart, daß zwei gegenüberstehende Bänke ein bequemes, wenn auch hartes Lager für zwei Personen boten. Unter der Decke befand sich eine ebenfalls aus Latten angefertigte Pritsche, die man zum Gebrauch in horizontale Lage bringen konnte, so daß sie für zwei Personen zum Schlafen diente. Alle Plätze waren besetzt. Da es Zeit zum Schlafen war, schwang ich mich alsbald hinauf, um nach der schlechten Nacht im Wartesaal zu Galesburg einen festen Schlaf zu tun.

Die Union-Pacific-Bahn führte uns durch die fruchtbaren Gefilde von Kansas. Gelegentlich hielt der Zug an irgendeiner Station, wo Kaffee oder Tee zu haben war. Geistige Getränke waren in ganz Kansas verboten, da die „Temperenzler“ hier das Heft in der Hand hielten und nirgendwo den Ausschank von Bier oder Wein noch anderen geistigen Getränken gestatteten. Weiter nach Westen wird das Land öde und fast unbewohnt. Auf der flachen Prairie ist nur selten einmal ein Pferd oder einige Stück Rindvieh zu entdecken, dagegen sieht man aus unzähligen Erdlöchern Präriedogs herausspringen, die neugierig den Zug betrachten und schnell wieder verschwinden, fast das einzige Leben in der öden Prairie. Gegen Abend des 5. August halten wir in Hugo, der ersten Station in Colorado. Hier können wir endlich unsere durstigen Kehlen für teures Geld mit Bier erfrischen, das uns in 1/6 Liter-Gläsern für 10 Cents gereicht wird. Am 6. August gegen 4 Uhr früh kamen wir in Denver an, einem an den Bergabhängen gelegenen Ort von ziemlicher Bedeutung.

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