1881: Bruder Rudolf kommt in Bozeman an

Eines Montag abends, es war am 21. November, kommt Kopp und bringt meinen Bruder Rudolf zur Farm, der mir vor einiger Zeit aus Chicago geschrieben, daß er auch die Absicht habe, nach Montana zu kommen, in der Hoffnung, sich hier selbständig zu machen. Wir kommen überein, daß er an meiner Stelle das Pelzgeschäft, in Gemeinschaft mit dem Farmer, fortsetzen solle, weil ich über kurz oder lang doch nach Deutschland zurückkehren wollte. Am nächsten Tage fahren wir alle zur Stadt: die ganze Familie Gottschalk, mein Bruder und ich. Den ganzen Tag über sind wir bei Kopps, in deren gastlichem Hause wir fröhliche Stunden verleben.

Inzwischen macht mein Bruder sich an die Arbeit. Ich benutze die mir dadurch gewordene freiere Zeit, um einen Jagdausflug auf die Berge zu machen. Der tiefe Schnee macht das Steigen sehr beschwerlich, ich finde frische Bärenspuren, ohne aber auf irgendwelches Wild zu stoßen. In einer schluchtartigen Einsenkung zwischen hohen Fichten – Spruce – entdecke ich eine kleine Hütte, die ich wegen der dorthin führenden Bären- und Wolfsspuren vorsichtig umkreise und dann, die Büchse schußbereit, betrete – sie war leer. Es dunkelte schon, daher ich mich beeile, talabwärts zu gelangen. Fast unten angelangt, aus dem Wald heraustretend, werde ich von großer Müdigkeit überwältigt. Ich werfe mich lang ausgestreckt in den Schnee, um auszuruhen und bin nahe daran für immer einzuschlafen, denn ein Erwachen hätte es in dieser Kälte nicht gegeben. Ein scharfer eisiger Wind bläst mir über das Gesicht, was mich im Augenblick zum Bewußtsein meiner Lage bringt. Schnell entschlossen springe ich auf, um der eisigen Umarmung zu entgehen, der ich sonst unrettbar verfallen gewesen wäre.

Als ich in die breite Talebene einbiege, erblicke ich ein Licht, auf das ich lossteuere. Bald betrete ich die Schwelle eines einfachen Holzhauses, in dem zwei Männer am Feuer sitzen. Nicht sonderlich verwundert über mein Eintreten, erwidern sie meinen Gruß freundlich, mich zum Sitzen einladend. Nachdem ich meinen durchfrorenen Körper einigermaßen erwärmt, lasse ich mir die zur Farm einzuschlagende Richtung angeben und mache mich auf den Heimweg. In der Dunkelheit und bei dem tiefen Schnee ist es kein Wunder, daß ich den Weg verfehle. Nach halbstündigem Wandern sehe ich eine größere Zahl Lichter vor mir auftauchen – das muß Bozeman sein.

Eins der ersten Häuser, das ich erreiche, ist das von Kopp. Es brennt kein Licht, man scheint schon zu Bett zu sein. Auf mein Klopfen öffnet mir alsbald der stets freundliche, junge Schweizer, der mich erstaunt fragt, da ich zu so später Stunde mit dem Gewehr erscheine, ob Indianer bei uns eingebrochen seien. „Nein“, sagte ich, „ich will mich nur etwas wärmen“. Ohne Umstände trete ich ins Schlafzimmer, wo mir Frau Kopp von ihrer Ruhestatt ein freundliches „Guten Abend“ entgegenruft, während ich mich mit ihrem Mann in die anstoßende Küche begebe, deren behagliche Wärme meine Lebensgeister wieder auffrischt. Kopp gibt mir dann ein Paar lange graue Filzstiefel zum Überziehen über meine Schuhe mit, worauf ich den Rückweg durch die Stadt antrete. Auf der Farm, wo ich erst in der zwölften Stunde eintreffe, machte man große Augen, man hatte sich schon große Sorgen wegen meines langen Ausbleibens gemacht.

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