1881: Ankunft in Bozeman

11. August 1881

In Bozeman wurde ich von Rudolf Wolferts, dem jüngeren Bruder meines alten Schulkameraden Ludwig Wolferts, am Hotel erwartet und sofort zur Brauerei von Spieth & Krug geleitet, wo ich die erste Nacht in dem Gebirgsstädtchen zubrachte. Denselben Schlafsaal der Brauerei teilten mit mir noch einige Brauerburschen, deren Anwesenheit ich in der Dunkelheit nicht bemerkt hatte. Umsomehr fühlte ich das Vorhandensein einiger anderer Lebewesen, deren „bestechende“ Eigenschaften mir einen großen Teil der Nachtruhe raubten. Am nächsten Morgen, 12. August, wurde ich beim Frühstück dem Hausherrn und Brauereibesitzer Speith vorgestellt, der mich freundlichst einlud, einige Tage bei ihm zu bleiben, was ich aber dankend ablehnte, da ich mein Endziel, die Gottschalk’sche Farm, heute noch zu erreichen wünschte. Im Laufe des Tages erscheint der junge Farmer mit seiner Frau, die mich freundlich empfangen und in ihrem Wagen zur Farm nehmen.

Bozeman ist ein kleines, etwa tausend Einwohner zählendes Städtchen, inmitten des Felsengebirges gelegen, dessen schneebedeckte Berge im Süden und Osten den Ort ein-schließen. Nach Norden und Westen dehnt sich eine ziemlich breite Hochebene aus, die vom Gallatin River durchschnitten wird. Die höchsten Gipfel des Gebirges erreichen eine Höhe von über 14 000 Fuß (4700 m).

Etwa drei Meilen nordöstlich der Stadt gelegen, dehnt sich die Farm des Herrn Gottschalk dicht an den dem Hochgebirge vorgelagerten Hügeln aus. Mitten durch die Besitzung fließt der Bridger Creek, ein breiter Bach, in dessen klarem Quellwasser ich bis in den Oktober hinein gebadet habe. Ausgedehnte Getreidefelder, Wiesen und Wälder gehörten zur Farm. Den Hauptbetrieb bildet die Pferdezucht mit einem Bestand von fünfzig Pferden. Diese befinden sich, ausgenommen einige Arbeitspferde, Sommer und Winter draußen auf den mit hohem Prairiegras bewachsenen Hügeln, wo sie sich innerhalb der das ganze Besitztum umgebenden Umzäunung ihr Futter suchen. Selbst im Winter, der hier besonders streng ist und fast ein halbes Jahr andauert, wird den Pferden nur selten etwas Hafer zugegeben. Zwei prachtvolle Milchkühe und zahlloses Federvieh vollenden das lebende Inventar.

Bald fühle ich mich in dem einfachen, aus zwei Zimmern und einem Dachzimmer nebst Speicher bestehenden Hause heimisch.

August Gottschalk, ein Mann von dreißig Jahren mit braunem Vollbart, stammt aus Friedrichsroda bei Gotha, wo seine Mutter ein Gut besitzt. Schon als blutjunger Mensch war er nach dem „wilden Westen“ gekommen und hatte drei Jahre ein abenteuerliches Leben bei den Crow Indians, den Krähen Indianern, verbracht, deren Gewandtheit im Reiten und mit der Büchse auf den zahlreichen Büffel- und Bärenjagden er sich zu eigen gemacht hatte. Er galt in der ganzen Gegend als ein unerschrockener Bärenjäger, manches prachtvolle Bärenfell legte Zeugnis von seinen Taten ab.

Seine Frau war erst 22 Jahre alt, hübsch, dabei von einfachem Wesen und gewinnender Freundlichkeit. Sie war in Solingen geboren als Tochter eines Büchsenmachers (Böntgen) und hatte ihren Mann, als dieser im Jahre 1878 zu einem Besuch seiner Mutter nach Deutschland gekommen war, auf dem Gut seiner Mutter kennengelernt, wo sich ihre Schwester als Stütze der Hausfrau befand. Der Verlobung war schon einige Wochen später die Trauung gefolgt, dann war sie mit ihrem Mann in das ferne unbekannte Land gezogen. Diese Reise war für die junge Frau recht abenteuerlich. Wie sie mir eines Tages erzählte, hatten sie den weiten Weg von Deutschland über das „große Wasser“ und die lange Eisenbahnfahrt durch Nordamerika in ununterbrochener Reise zurückgelegt. An der damaligen Endstation, die viel weiter südlich lag als Dillon, bis wohin jetzt die Bahn gebaut ist, kaufte ihr Mann, einen Bauernwagen und zwei Pferde, um mit diesem Gefährt den Rest der Reise, die über acht Tage in Anspruch nahm, zurückzulegen. Eines Abends hatten sie am Rande eines Waldes Halt gemacht, um ihr Abendbrot zu bereiten. Während die junge Frau sich um das Feuer bemühte, hatte sich ihr Mann einen Augenblick entfernt, um Holz herbeizuschaffen; es war bereits dunkel geworden. Ein Geräusch veranlaßte sie, sich umzusehen. Aber anstatt ihren Mann, den sie zurückgekehrt glaubte, erblickte sie das rotbraune Gesicht eines Indianers, der sich hinter ihr niedergekauert hatte. Einen Augenblick später war auch ihr Mann zur Stelle, der nun die Rothaut freundlichst zum Imbiß einlud, die durchaus nichts Böses im Schilde führte. Unter solchen und manchen anderen Erlebnissen waren sie auf der Farm am Bridgers Creek angekommen.Dort bezogen sie ein aus rohem Holz gezimmertes kleines Haus, das aus zwei Wohnräumen und einem Speicher bestand und dessen Innenwände mit Brettern verschalt waren. Erst einige Zeit später baute ihr Mann das jetzige Wohnhaus, das allerdings nicht größer, aber besser gegen die große, lang andauernde Winterkälte geschützt war.

Die Bauart dieser Holzhäuser, wie ich sie hier auf den Farmen überall in fast gleicher Ausführung gesehen habe, ist eine höchst einfache: Baumstämme von etwa 20 bis 25 cm Durchmesser wurden mit der Axt einigermaßen vierkantig bearbeitet, so daß sie, aufeinander gelegt, eine feste Wand bildeten. Sowohl die Außenflächen wie auch die Innenflächen wurden dann mit gehobelten Dielen verschalt, wodurch ein genügender Schutz gegen die Kälte erzielt wurde. Einen Hausflur gab es nicht, durch eine einzige Haustür betrat man den Wohnraum, der zugleich den Küchenherd enthielt, daneben befand sich der Schlafraum. Vom Wohnzimmer führte eine steile Treppe zum Speicher, der noch einen abgeteilten Raum für etwaige Gäste aufwies. Der einzige auf der Farm beschäftigte Arbeiter hatte sein Quartier im Heuschober. Mit diesem Mann, unterstützt durch einige Arbeitspferde, besorgte der Farmer die Bestellung der Felder. Nur im Herbst zur Erntezeit waren viele Arbeitskräfte erforderlich. Dann erschien ein Unternehmer mit ein bis zwei Dutzend Arbeitern und verschiedenen landwirtschaftlichen Maschinen, die das Mähen, Binden, Dreschen und alle sonst erforderlichen Arbeiten in wenigen Tagen erledigten. Dies sollte ich schon bald nach meiner Ankunft erleben.

Meine Absicht, hier eine Pelzgerberei zu errichten, konnte ich vorderhand noch nicht zur Ausführung bringen, da die in Chicago angekauften Gerätschaften und Werkzeuge erst nach Ablauf mehrerer Wochen eintreffen konnten. Inzwischen half ich dem Farmer bei allen möglichen Dingen. Zunächst bauten wir eine neue Scheune, die in der schon geschilderten Art zusammengesetzt wurde, jedoch erhielt sie nur von innen eine Bretterverschalung. Bei prächtigem sonnigen Wetter gingen die Zimmerarbeiten flott vonstatten, bald saßen wir auf dem Dach, wo das im regelmäßigen Takt erfolgende Nägel-Einschlagen eine lustige Melodie bildete. Schon in kurzer Zeit war die Scheune unter Dach und zur Aufnahme der Ernte bereit.

One thought on “1881: Ankunft in Bozeman

  1. Helmut Randoll sagt:

    Liebe Sibylle,
    endlich habe ich Zeit, mich durch alle Deine blog-Einträge zu wühlen. Einfach toll, wie Du das machst. Auf alle Fälle freuen wir uns jetzt schon darauf, Dich am Ende Deiner Reise wieder zu Hause in Empfang nehmen zu dürfen. Ich drücke Dich,
    Helmut

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